Rede zur HV 2008

(Es gilt das gesprochene Wort.)

 

Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Aktionärinnen und Aktionäre sowie Vertreter der Presse und Aktionärsgruppen, ich begrüße Sie recht herzlich zur diesjährigen ordentlichen Hauptversammlung der SCHNIGGE Wertpapierhandelsbank AG.

Seit unserer letzten Hauptversammlung im vergangenen August haben sich sowohl für die Finanzwelt allgemein als auch für unser Unternehmen im Besonderen teilweise gravierende Änderungen ergeben.

Zum Zeitpunkt der letzten Hauptversammlung schien die Börsenwelt noch in Ordnung, von einer internationalen Finanzkrise war man augenscheinlich noch weit entfernt. Der Name Subprime oder eine US-Immobilienkrise standen zu diesem Zeitpunkt wohl bei kaum einem Marktteilnehmer oder gar Anleger auf der Agenda. Denn trotz mehrfacher, teilweiser kräftiger Kursschwankungen an den internationalen Börsen bis zum August 2007 gab es keinen Grund zur Beunruhigung, das Finanzsystem schien intakt, die Gewinnsituation der Unternehmen unbedroht und mit höheren Rohstoffpreisen hatte man zu leben gelernt.

Dass sich innerhalb kurzer Zeit die Situation vollkommen ändern würde, damit hat zum damaligen Zeitpunkt kaum ein Marktteilnehmer  - und dazu zählen wir auch unser Haus - gerechnet. Während der DAX bei zwar allgemein eher niedrigeren Umsätzen zum Dezember 2007 sogar noch einmal einen erfolgreichen Angriff auf die wichtige DAX-Marke von 8.000 Punkten unternahm, wurde gerade der Nebenwertebereich zum Jahresende jedoch von deutlichen Kursrückgängen belastet. Das alles sorgte dafür, dass sich die Ertragslage der Gesellschaft gerade zum Jahresende hin abgeschwächt hat bzw. über Abschreibungen auf den Wertpapierbestand belastet wurde. Das zur letzten Hauptversammlung erwartete deutlich höhere Ergebnis gegenüber dem Vorjahr konnte jedenfalls abschließend nicht realisiert werden. Der Jahresüberschuss fiel zwar augenscheinlich mit 22.000 Euro sehr niedrig aus, allerdings wurde als Vorsichtsmaßnahme der Fonds für allgemeine Bankrisiken als allgemeine Rücklage zum Ausgleich von Risiken aus dem originären Geschäft der Gesellschaft mit 2,18 Mio. Euro dotiert.

Wie wichtig diese Maßnahme war, mögen die Marktverwerfungen des ersten Quartals 2008 verdeutlichen, wo neben dem DAX auch andere internationale Indizes massiv an Wert einbüßten. Der damit einhergehende Umsatzrückgang hat auch bei unserer Gesellschaft dazu geführt, dass die guten Ergebnisse der Vorjahre für das erste Quartal 2008 nicht einhaltbar waren, andere Häuser wie die Deutsche Bank oder direkte Mitbewerber mussten im ersten Quartal einen kräftigen Verlust hinnehmen. Das eigene Ergebnis ist mit einer roten Null zwar nicht befriedigend, doch vor dem Hintergrund der derzeitigen Krise und im Vergleich zu anderen Unternehmen noch nachvollziehbar.

Mit dieser Dotierung erhält sich die Gesellschaft die Flexibilität,  schwierige Zeiten aus eigener Kraft zu überbrücken. Andererseits liegt es uns aber auch fern, die Aktionäre von guten Erträgen auszuschließen. Insofern haben wir uns nach dem nun dritten Gewinnjahr in Folge dazu entschlossen, trotz des auf den ersten Blick niedrig ausfallenden Jahresüberschuss, eine Dividende aus Entnahme aus Gewinnrücklagen an die Aktionäre auszuschütten. Damit haben wir auch die Anregung der Aktionäre aus dem Vorjahr berücksichtigt und sind aus Sicht des Vorstandes damit den Wünschen Aller gerecht geworden.

Neben den Marktproblemen war die Gesellschaft zum Jahresende zudem mit dem Eigentümerwechsel beschäftigt, der zum 21. Dezember durch den Verkauf des bis dahin von der ThomasLloyd AG gehaltenen Aktienpaketes an den ersten europäischen Private Equity Fonds mit Spezialisierung auf Investments im Finanzdienstleistungsbereich, Augur Financial Opportunity, vollzogen wurde. Im Januar 2008 hat der neue Aktionär daraufhin ein Pflichtangebot an die außenstehenden Aktionäre unterbreitet, zu dessen Annahme der Vorstand geraten hat, da mit dem Angebot auch eine mögliche Nachbesserung für den Fall zeitlich begrenzter zukünftiger Ertragssteigerungen verbunden war. Somit hätten Aktionäre trotz Annahme des Angebotes von steigenden Erträgen der Gesellschaft partizipieren können.

Da Sie, sehr verehrte Aktionäre jedoch unsere Hauptversammlung besuchen, haben Sie sich nicht oder nur zum Teil von Ihren Aktien getrennt und so ein Interesse daran, zu erfahren, wie es mit der SCHNIGGE Wertpapierhandelsbank AG in der Zukunft weitergehen wird.

Ich möchte daher exemplarisch auf die Situation der deutschen Börsen nach Einführung von Mifid und die sich damit für die Gesellschaft als Skontroführer ergebenden Probleme hinweisen. Diese, oft als „Grundgesetz des Wertpapiermarktes“ bezeichnete EU-Regel, soll die Märkte für Anleger transparent und kostengünstig gestalten. In anderen Ländern, in denen eine andere Struktur vorherrscht – z.B. in England, wo ein Broker gleichzeitig Depots führen darf und für die Preisstellung zuständig ist – mag diese Richtlinie notwendig sein. Auch Länder, in denen keine solch hochkompetative Börsenlandschaft wie hierzulande existiert, sind sicherlich von einer solchen Regel betroffen.

Doch nach dem Motto – die Italiener haben es erfunden, die Franzosen formuliert und die Deutschen haben es eingehalten – ist diese Direktive im November 2007 auch in Deutschland in Kraft getreten und hat durch die Art der hiesigen Umsetzung sofort massive Auswirkungen auf die Orderströme gehabt:

Banken begannen, losgelöst von der Frage nach Ausführungssicherheit und Qualität, ausschließlich die Ausführungskosten zu erfassen und als Ausführungsgrundlage für die als „Best Execution“ bezeichnete Orderausführung zu nutzen. Hierbei ist die Nummer 2 auf der Liste der Ausführungsplätze bereits der erste Verlierer, da er bei der Ordervergabe nicht mehr berücksichtig wird.

Als Reaktion auf diese – aus unserer Sicht unnötige, weil vom Gesetzgeber so nicht gewollte – Betrachtungsweise mussten die Börsen und damit auch die dort vertretenden Skontroführer Zugeständnisse bei der Preisbildung machen.

So verzichtet die SCHNIGGE AG bei Aktienorders bis zu 5.000 Euro Gegenwert an der Börse Düsseldorf auf Courtage. Darüber hinaus werden DAX-Werte bis zu einem Gegenwert von 100.000 Euro je Order ohne An- und Verkaufsspread gehandelt. Da diese Qualitätskriterien sogar in den börslichen Regeln der Börse Düsseldorf verankert sind, verfügt die Börse Düsseldorf über das konkurrenzfähigste Angebot in Deutschland.

Dennoch wird Düsseldorf als Ausführungsplatz nicht gewählt, weil andere Börsen, die zwar auf Orders nicht unbedingt stillhalten müssen, aber in einer stichtagsbezogenen, historischen Gesamtkostenbetrachtung auch nur 1 Cent günstiger als Düsseldorf sind, diese Orders erhalten.

Dies erzähle ich Ihnen aus zweierlei Aspekten:

Einerseits spreche ich selbstverständlich voller Stolz davon, dass der Börsenplatz Düsseldorf, an dem die SCHNIGGE AG einziger Aktienskontroführer ist, mit unserer Hilfe ein höchst konkurrenzfähiges Angebot im Markt unterbreiten kann. Wir würden uns daher natürlich freuen, wenn Sie bei Ihrer täglichen Anlageentscheidung die Leistung unseres Hauses mit berücksichtigen.

Andererseits soll Ihnen dieses Beispiel auch das Dilemma zeigen, in dem die deutschen Börsenhäuser oftmals stecken:

  • Makler werden durch Wettbewerb gezwungen, auf Courtage zu verzichten.
  • Makler werden durch Wettbewerb gezwungen, ohne Handelsspread zu handeln.
  • Makler werden durch Wettbewerb gezwungen, Preise nach Referenzmärkten zu machen.
  • Makler werden von Börsen und Börsenabwicklern gezwungen, immer höhere Abwicklungskosten zu tragen.

Vereinfacht gesagt: Makler sollen immer mehr Kosten übernehmen, immer mehr Risiken durch Market Making übernehmen, aber immer weniger verdienen.

Dazu kommt, dass der maklergestützte Handel von Seiten der Deutschen Börse immer mehr zu Gunsten des Handelssystems Xetra verdrängt werden soll.

Bitte verstehen Sie uns nicht falsch: Dies soll kein Abgesang auf den deutschen Börsenmakler sein, auch in Zukunft wird der Börsenmakler – in welcher Form auch immer – eine wichtige Säule des deutschen Börsenwesen bleiben. Allerdings ist zu befürchten, dass Häuser, die sich ausschließlich auf den reinen Skontroführungs - Wertpapierhandel konzentrieren, zukünftig einen erheblichen Ertragsrückgang erleiden werden.

Dies hat unsere Gesellschaft wie bereits im Vorjahr angekündigt dazu veranlasst, die Möglichkeiten, die ihr die aufsichtsrechtlichen Genehmigungstatbestände bieten, nun verstärkt nutzen zu wollen.

Dem aufmerksamen Besucher unserer Hauptversammlung werden sicherlich die markanten Flyer und Banner mit dem Logo unserer Marke SharkTrading oder die ein oder andere Pressemitteilung der vergangenen Tage zum Thema Endkundengeschäft aufgefallen sein.

Der Vorstand ist der festen Überzeugung, dass langfristigen Erfolg nur  derjenige haben wird, der sich nicht nur in seinem angestammten Tätigkeitsgebiet dem Wettbewerb stellt, sondern der sich auch in artverwandten Geschäftsbereichen zu einer Diversifikationsstrategie entschließen kann.

Nach dem Wachstum der vergangenen Jahre und dem Wiedererstarken der Ertragskraft unserer Gesellschaft haben die jüngsten Turbulenzen an den Märkten, im internationalen Finanzsystem und als deren Folge die niedrigeren Umsätze gezeigt, wie anfällig eine Monostruktur sein kann.

Ich bitte Sie daher an dieser Stelle, den Abstimmungspunkten der heutigen Tagesordnung zuzustimmen, die gerade unter Punkt 6 die Anpassung der Satzung an die gesetzlichen Gegebenheiten vorsieht und die Palette der möglichen Dienstleistungen unseres Unternehmens explizit beschreibt.

Der Vorstand der SCHNIGGE AG ist sich sicher, mit dem bestehenden Großaktionär einen Partner gefunden zu haben, der das Wachstum und die strategische Ausrichtung des Unternehmens unterstützend begleiten wird. Wir sind überzeugt davon,  dass der eingeschlagene Weg auch in Krisenzeiten dafür sorgen wird, dass das Unternehmen SCHNIGGE in der Zukunft einerseits weiter solide aufgestellt ist und andererseits die Chance hat, im richtigen Moment sich bietende Chancen für Wachstum zu nutzen.

Lassen Sie sich nun von meinem Kollegen Markus Baukenkrodt Details zum Stand der Diversifizierungsstrategie erläutern.

Ich wünsche allen Teilnehmern einen harmonischen und konstruktiven Verlauf dieser Hauptversammlung und freue mich auf die spätere Diskussion mit Ihnen. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Düsseldorf, den 29. Mai 2008

Florian Weber